Tag 49
Krise, oder nicht?
Ein Tag, der sich kürzer anfühlte, als er eigentlich war – zumindest für ihn. Der dritte kurze Tag in dieser Woche, und wie es der Zufall wollte, auch der letzte. Der Offenstall war heute sein Arbeitsplatz, unter einem Himmel, der sich in diesigem Grau und gelegentlichem Sprühregen präsentierte. Der Wind war leicht, aber kalt genug, um unangenehm zu sein. Und so verbrachte er den Tag draußen, in Gesellschaft von Pferden, die – zu seiner Erleichterung – größtenteils kooperativ waren. Stillstehen, Hufe geben, das Übliche. Doch bei einigen der älteren Herrschaften wurde es knifflig. Hufe heben? Ja. Hufe zur Seite geben? Nein. Stattdessen Zappeln, weil Schulter oder Ellenbogen schmerzten. Alte Pferde eben. Rührend, wie liebevoll sich manche Besitzer um ihre Senioren kümmern. Und er? Er tat, was er konnte, um es den Tieren so leicht wie möglich zu machen.
Am Ende des Tages, als die Arbeit getan war, fand er sich im Reiterstübchen wieder. Ein Ort, der nach fast zwanzig Jahren Zusammenarbeit mit den Stallbetreibern fast schon wie ein zweites Wohnzimmer wirkte. Gespräche über die Pferdehaltung in der Region füllten die Zeit. Überraschend, wie stabil die Situation trotz aller Krisen zu sein scheint. Die Ställe sind voll, die Pferde bleiben – Luxus hin oder her. Erinnerungen an die Finanzkrise von 2008 wurden wach, als ähnliche Befürchtungen laut wurden. Doch auch damals blieb der große Einbruch aus. Warum also nicht zuversichtlich in die Zukunft blicken?
Natürlich hat sich einiges verändert. Immer mehr Pferde scheinen eher als Freizeitpartner gehalten zu werden, statt für sportliche Aktivitäten. Eine subjektive Beobachtung vielleicht, aber eine, die er nicht ignorieren konnte. Es ist legitim, keine Frage, doch die Gesundheit der Tiere leidet oft, wenn die Bewegung fehlt. Andererseits, ein schlecht gerittenes Pferd hat auch nichts gewonnen. Ein Balanceakt, wie so vieles.
Zwei Pferde blieben ihm heute besonders im Gedächtnis. Das eine, das sich mit Hufkrebs an allen vier Hufen herumschlagen musste, zeigte dank der Pflege seines Besitzers deutliche Fortschritte. Der Strahl sah fast perfekt aus, nur ein paar kleine Stellen erinnerten an die Krankheit. Das andere Pferd, das drei Wochen in der Klinik verbracht hatte, wird er erst nächste Woche sehen. Die Fotos, die ihm die Besitzerin zeigte, ließen ihn hoffen, dass sich der Aufenthalt gelohnt hat.
Zurück zu Hause, später als geplant, stand er vor der Frage: Büro oder nicht? Die Steuer wartet, das weiß er. Aber nach einem Tag wie diesem? Vielleicht doch lieber morgen. Heute war schließlich schon lang genug.
