Zehenrichtung zum selber raspeln

Er hatte sich an die Routine gewöhnt. Die Tour, die seit Jahren immer gleich war, brachte eine gewisse Vorhersehbarkeit mit sich. Keine Uhr, kein Stress – ein angenehmes Arbeitsklima, das er durchaus zu schätzen wusste. Doch heute war anders. Ein Pferd hatte ihn überrascht. Nicht, dass die anderen langweilig wären, keineswegs. Jedes Tier brachte seine eigenen kleinen Herausforderungen mit, und er wusste, dass er mit seiner Arbeit oft helfen konnte. Aber dieses eine Pferd, eine ältere Stute, war besonders.

Seit längerer Zeit lief sie nicht ganz rund. Tierärztliche Untersuchungen hatten nichts ergeben, und doch war da diese kleine Besonderheit: Frisch bearbeitete Hufe schienen ihr Erleichterung zu verschaffen. Und wenn er vorne ein wenig die Zehenrichtung anraspelte, wurde es noch besser. Er vermutete, dass das Problem irgendwo im Bereich der Hufrolle oder der tiefen Beugesehne lag. Eine vage Vermutung, aber eine, die ihm genug Anlass gab, der Besitzerin eine alte Raspel zu überlassen. Er hatte ihr gezeigt, wie sie selbst die kleine Veränderung vornehmen konnte. Es war zu weit, um alle paar Wochen selbst hinzufahren, aber er traute ihr das zu. Jetzt war er gespannt, was sie beim nächsten Mal berichten würde.

Die Rheinbrücke, die oft ein Nadelöhr war, hatte sich heute von ihrer kooperativen Seite gezeigt. Hin und zurück verlief alles reibungslos, und so war er einigermaßen zeitig zu Hause. Zeitig, in Anführungszeichen. Denn dort wartete Teil zwei der Umsatzsteuersitzung auf ihn – ein Thema, das mit Sicherheit weniger spannend war als die Frage, ob die alte Raspel tatsächlich den erhofften Effekt bringen würde. Aber das Wochenende versprach weitere Aufgaben, und so war der Tag noch lange nicht vorbei.

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