Der Tag begann mit einer gewissen Trägheit, die an einen zweiten Montag erinnerte – ein Montag 2.0, wie er es insgeheim nannte. Der gestrige Abend hatte noch die Gewissheit gebracht, dass der Vormittag heute etwas entspannter starten würde. Ein Termin war abgesagt worden, Handwerker im Stall, wie die Kundin erklärte. Ein paar Stunden mehr Luft im Kalender, dachte er, und plante um. Doch wie das so ist: Selbst mit einem späteren Start schaffte er es, sich zu verspäten.
Der erste Fehler des Tages war schnell ausgemacht. Er fuhr zum falschen Stall. Die Kundin war umgezogen, das wusste er natürlich. Sie hatte es ihm gesagt, aber irgendwo zwischen all den Terminen und Hufen war diese Information in den Untiefen seines Gedächtnisses versunken. So stand er also vor einem verschlossenen Tor, das ihn stumm daran erinnerte, dass er sich geirrt hatte. Zum Glück fiel ihm der richtige Stall schnell wieder ein, und mit 15 Minuten Verspätung war er schließlich am Ziel. Ein kleiner Fauxpas, der den Zeitplan ins Wanken brachte, aber nichts, was sich nicht im Laufe des Tages wieder einrenken ließ.
Die Pferde, seine ständigen Begleiter, zeigten sich heute überwiegend kooperativ. Abgesehen von ein paar kleinen Ausrutschern – die Fliegen waren wieder in Hochform, und die Wärme tat ihr Übriges. Es war einer dieser Tage, an denen er sich fragte, ob die Insekten nicht auch eine Art Arbeitsplan hatten, der sich mit seinem zu überschneiden schien.
Eine Kundin mit zwei jungen Pferden brachte ihn dann zum Nachdenken. Ob man an den Hufen erkennen könne, ob ein Pferd später einmal Eisen brauchen würde, wollte sie wissen. Eine interessante Frage, fand er, wenn auch nicht ganz so einfach zu beantworten. Schließlich, so überlegte er, sind es ja nicht die Pferde, die Eisen brauchen, sondern die Menschen, die sie auf eine Weise nutzen, die einen Beschlag erforderlich macht. Die Abnutzung des Horns, die Nutzung auf steinigen Wegen, orthopädische Notwendigkeiten – all das sind menschliche Anforderungen, nicht die des Tieres. Er erklärte es ihr so gut er konnte, mit einem leichten Schmunzeln über die Ironie der Sache. Jedes Pferd könne ohne Eisen laufen, sagen manche. Stimmt, dachte er, aber dann eben nicht so, wie der Mensch es sich vorstellt.
Der Tag neigte sich dem Ende zu, als ein Anruf ihn noch einmal aus seinen Gedanken riss. Eine Kundin, deren Pferd lahmte, vermutete ein Hufgeschwür. Ob er morgen mal schauen könne? Natürlich konnte er. Es war Herbst, und Hufgeschwüre schienen in dieser Jahreszeit Hochkonjunktur zu haben. Er bemerkte, dass solche Anfragen in letzter Zeit häufiger wurden. Vielleicht lag es an den gestiegenen Tierarztgebühren, überlegte er. Ein Hufschmied war eben die kostengünstigere Option, zumindest für den ersten Blick.
Jetzt, da er die letzten Meter nach Hause fuhr, ließ er den Tag noch einmal Revue passieren. Die Terminplanung für morgen würde er gleich noch einmal überprüfen, um sicherzugehen, dass nicht wieder ein verschlossenes Tor auf ihn wartete. Und dann? Dann war Feierabend. Ein bisschen Ruhe, ein bisschen Zeit für sich. Ein Montag 2.0 war schließlich auch nur ein Tag, der irgendwann endete.
