Über Barhuf und Beschlag

Tag 35

„Ein Pekinese ist ja auch kein Wolf.“

Dieser Satz kam ihm in den Sinn, als er heute auf dem Heimweg war. Es war einer dieser Herbsttage, die fast zu schön sind, um wahr zu sein. Die Sonne schien, als wäre der Oktober zurückgekehrt – nur dass der Kalender schon November zeigte.

Die Arbeit war heute ruhig, fast routiniert. Nur ein Patient blieb im Gedächtnis: ein junger Wallach, der seit Längerem auf einem Huf lahmte. In der Klinik hatte man alle bildgebenden Verfahren genutzt – Röntgen, Ultraschall, vermutlich auch Szintigrafie – doch alles ohne Befund. Erst die Leitungsanästhesie brachte Klarheit: Der Schmerz saß am Fesselträgerursprung.

Nach Rücksprache mit der Klinik und dem behandelnden Tierarzt entschied er sich für einen orthopädischen Beschlag – ein Fesselträgereisen aus Aluminium, Modell Colleoni. Bei Problemen im Bereich des Fesselträgerursprungs ist die Stellung des Hufes entscheidend. Der Huf darf nicht zu steil stehen, vielmehr sollte die Belastung über eine flachere Zehenachse geführt werden. Das spezielle Eisen ist vorne stark verbreitert und läuft nach hinten schmal aus, um genau diese Entlastung zu bewirken.

Das Pferd war freundlich, aber altersbedingt nicht sonderlich kooperativ. Manche Bewegungen gingen nur widerwillig, manches dauerte länger als geplant. Trotzdem lief am Ende alles glatt.

Und während er arbeitete, fiel ihm wieder auf, wie laut das „ruhige“ Landleben manchmal ist. Laubbläser, Freischneider, Traktoren, Hochdruckreiniger – ein ständiger Wechsel aus Krach und Stille. Idyllisch ist das nur in der Vorstellung.

Mit dem Besitzer des Wallachs sprach er anschließend über das Thema Barhuflaufen. Der Mann war überzeugt, dass Beschläge grundsätzlich unnatürlich seien. Er konnte das verstehen – und doch widersprach er freundlich.

Ein Beschlag sei nicht natürlicher oder unnatürlicher als die Nutzung des Pferdes selbst. Schließlich setze man sich darauf, verlange sportliche Bewegung, Haltung, Kraft. Und ein Pferd, das seit Jahrtausenden gezüchtet wird, ist ohnehin kein Wildpferd mehr. „Ein Pekinese ist ja auch kein Wolf“, sagte er schmunzelnd.

Er erklärte, dass rund siebzig Prozent der Pferde in seiner Obhut barhuf laufen – aus Überzeugung und praktischer Vernunft. Aber manchmal sei ein Beschlag eben die bessere Lösung. So wie heute.

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