Ein Tag wie jeder andere – oder doch nicht? Schon am Morgen, beim ersten Pferd, schien sich ein altbekanntes Thema wie ein Schatten über die Arbeit zu legen: Hufrehe. Es war fast schon vorhersehbar, wenn man die Zahlen bedenkt, die er gestern gelesen hatte. Jedes fünfte Pferd, so hieß es, erleidet im Laufe seines Lebens eine Hufrehe. Und in neunzig Prozent der Fälle steckt eine hormonelle Erkrankung dahinter. Er hatte es nicht nachgerechnet, aber die Statistik schien sich in seiner täglichen Arbeit zu bestätigen. Vielleicht nicht bei zwanzig Prozent seiner Kundenpferde, aber zehn Prozent? Das klang realistisch.
Am ersten Stall des Tages erinnerte ihn ein neues, junges Pferd an ein anderes, längst verstorbenes Tier. Auch dieses hatte einst mit Hufrehe zu kämpfen gehabt, bevor es schließlich aus Altersgründen ging. Das neue Pferd hingegen? Gesund, vital, fast schon eine Rarität in einer Welt, in der gefühlt jedes zweite Pferd irgendeine Baustelle hat.
Weiter ging es zu einem kleinen, alten Pony, das ihn beim letzten Besuch mit einer unerwarteten Galoppeinlage überrascht hatte. Eine Viertelstunde lang hatte es ihn damals auf der Wiese umkreist, bis ein Nachbar schließlich zu Hilfe kam. Heute war das Pony weniger abenteuerlustig – es wartete brav in seiner Box. Man hatte es wohl vorsorglich eingefangen, um ihm und ihm selbst die Mühe zu ersparen. Ein kluger Schachzug, dachte er, während er sich an die Arbeit machte.
Doch die Hufrehe ließ ihn auch später nicht los. Zwei der letzten drei Pferde des Tages hatten ebenfalls eine Vorgeschichte mit dieser Erkrankung. Es war fast schon absurd, wie allgegenwärtig das Thema war. Dabei wusste man heute so viel mehr über die Ursachen als noch vor dreißig Jahren. Damals war das Eiweiß im Maigras der vermeintliche Übeltäter. Ein Mythos, der sich hartnäckig hielt, obwohl längst widerlegt. Später war es das Fruktan, das ins Visier geriet – und auch hier zeigte sich, dass die Wahrheit komplexer war. Heute weiß man, dass es letztlich der Insulinspiegel ist, der bei bestimmten Vorerkrankungen die Hufrehe auslöst. Und doch schien dieses Wissen nur langsam in die Köpfe der Menschen zu sickern.
Er fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis sich diese Erkenntnisse flächendeckend durchsetzen. Bis das Management von Pferden mit Cushing oder EMS endlich so verbessert würde, dass die Hufrehe nicht mehr wie ein unausweichliches Schicksal über sie hereinbricht. Aber bis dahin? Nun, bis dahin würde er wohl weiterhin Tag für Tag mit den Folgen dieser Erkrankung konfrontiert sein. Ein Gedanke, der ihn gleichermaßen frustrierte und anspornte. Denn wenn er eines wusste, dann das: Jeder Tag brachte neue Herausforderungen – und manchmal auch ein kleines, altes Pony, das ihn mit seiner Lebensfreude zum Schmunzeln brachte.
