Dieser Tag begann so, wie der vorherige Tag eigentlich hätte enden sollen: mit einem verlorenen Eisen, das wieder an seinen Platz gebracht werden musste. Er hatte sich dafür entschieden, etwas früher als gewöhnlich aufzubrechen, denn der Tag versprach, vollgepackt zu sein. Gestern Abend hatte er noch kurz überlegt, den ersten Termin abzusagen. Der Wind hatte an den Fenstern gerüttelt, der Regen war in Strömen gefallen, und die Aussicht, am nächsten Morgen auf einer matschigen Weide mit unkooperativen Pferden zu stehen, war wenig verlockend. Doch ein Blick auf die Wetterkarte hatte ihn beruhigt: Der Regen würde aufhören, nur der Wind bliebe. Also entschied er sich, den Termin nicht abzusagen – das Chaos im Kalender war ohnehin schon groß genug. Wie erwartet, war es auf der Weide windig, und die Pferde zeigten sich von ihrer weniger charmanten Seite. Aber immerhin: kein Regen. Es lief alles „leidlich gut“, wie er es später für sich zusammenfasste. Die nächste Station war ein kurzer Kontrollbesuch in einem großen Offenstall. Dort wartete ein Pony mit einem Hufgeschwür auf ihn, das er vor ein paar Tagen geöffnet hatte. Er war etwas früher als der Besitzer vor Ort und nutzte die Zeit, um sich auf dem weitläufigen Paddock umzusehen. Dabei fiel ihm ein altes Pferd auf, das unruhig wiehernd umherlief. Er kannte die Tiere in diesem Stall gut, einige schon seit Jahren, und ahnte sofort, was passiert war. Die „Ehegattin“ des alten Pferdes war nicht mehr da. Sie war in den letzten Wochen schon schwach gewesen, und nun war sie wohl eingeschläfert worden. Der Anblick des trauernden Tieres war schwer zu ertragen. Das war der Preis, den man zahlte, wenn man seine Kunden – ob Mensch oder Tier – so gut kannte.
Das Pony mit dem Hufgeschwür hingegen machte ihm weniger Sorgen. Es lahmte nicht mehr, und die Behandlung schien gut anzuschlagen. Ein Medikament wurde noch in die Wunde gelegt, ein Verband für die nächsten Tage angebracht, und dann würde man sehen, ob das Loch auch ohne weitere Maßnahmen heilen würde. Der Aufenthalt war kurz, und er machte sich auf den Weg zur letzten Station des Tages.
Dort wartete die Hauptarbeit auf ihn: eine ganze Reihe von Pferden, die entweder beschlagen oder ausgeschnitten werden mussten. Einige von ihnen machten es ihm nicht leicht. Zwei waren bereits über 30 Jahre alt, zwei weitere näherten sich dieser Marke. Während er arbeitete, dachte er darüber nach, wie viele alte Pferde er mittlerweile in seiner Kundschaft hatte. Früher war das anders. Er erinnerte sich an eine Tagung vor etwa 15 Jahren, bei der es um geriatrische Pferde ging. Damals hatte der Redner gesagt, dass eine solche Tagung vor zwanzig Jahren noch undenkbar gewesen wäre – die Pferde wurden einfach nicht so alt. Heute hingegen waren die Besitzer bereit, mehr für ihre Tiere zu tun, Tierärzte zu holen, Therapien durchzuführen. Das war einerseits schön, andererseits führte es auch zu Momenten wie dem am Vormittag, als er das trauernde Pferd gesehen hatte. Und die Arbeit wurde dadurch nicht unbedingt leichter. Als er schließlich nach Hause fuhr, war er müde, aber zufrieden. Der Tag war lang gewesen, die Aufgaben vielfältig, und nun freute er sich auf einen ruhigen Feierabend. Das Wochenende lag vor ihm, und er war sich sicher, dass es nicht weniger ereignisreich werden würde. Aber das war eine Geschichte für einen anderen Tag
