Hufgeschwür und Hufabszess – warum das nicht dasselbe ist
Hufgeschwür und Hufabszess werden im Alltag zwar oft synonym verwendet, aber tatsächlich handelt es sich nicht um dasselbe. Die meisten Pferdebesitzer haben den Begriff schon einmal gehört, doch in meiner täglichen Arbeit fällt mir immer wieder auf, dass nur wenige wirklich wissen, was da im Huf genau passiert.Deshalb schauen wir uns zuerst das Hufgeschwür an. Zum Hufabszess, und warum dieser gefährlicher ist, kommen wir später.
Wie ein Hufgeschwür entsteht
Bakterien im Horn – völlig normal
Überall am Huf, wo Horn ist, sind auch hornzersetzende Bakterien unterwegs. Das kennen wir von Strahlfäule, White Line Disease oder diesen typischen schwarzen, schmierigen, übel riechenden Stellen am Huf. Meist handelt es sich um anaerobe Bakterien, also solche, die problemlos ohne Sauerstoff arbeiten können.
Normalerweise ist das kein großes Problem. Ich sage immer halb im Scherz:„Solange es schneller wächst, als es fault, ist alles gut.“
Gelangen diese Bakterien aber in einen kleinen Spalt oder Riss, der etwas tiefer geht, finden sie dort Bedingungen vor, die sie besonders mögen: Luftabschluss, Feuchtigkeit und Horn als Nahrung.Dort beginnen sie, tiefer sitzendes Horn zu zersetzen. Dabei entsteht eine Flüssigkeit, die mehr Volumen hat als das Hornmaterial, das sie abbauen. Die Bakterien „fressen“ also Horn und scheiden Flüssigkeit aus – und genau dadurch entsteht ein allmählich zunehmender Druck im Inneren des Hufs.
Warum das nicht sofort weh tut
Solange die Flüssigkeit aus diesem Spalt wieder entweichen kann, passiert gar nichts. Pferd und Besitzer merken überhaupt nicht, dass an dieser Stelle etwas fault. Kritisch wird es erst dann, wenn der Spalt sehr eng ist oder sich durch Sand, Erde oder Matsch verschließt. Dann sammelt sich die Flüssigkeit an und bildet eine kleine Blase oder Höhle im Horn.
Das tut zunächst noch nicht weh. In der Hufwand und der Sohle sind ja keine Nerven. Daher kann sich dort einiges abspielen, ohne dass das Pferd lahmt. Problematisch wird es erst, wenn die Bakterien immer weiter zersetzen, die Blase größer wird und die dünner werdende Hornschicht irgendwann zur Huflederhaut hin durchbricht oder so stark auf sie drückt, dass diese gereizt wird.
Dann zeigt sich das typische Bild: Ein Pferd, das von einer Minute auf die andere stocklahm ist.
Warum der Schmerz plötzlich kommt
Der Druck auf die Lederhaut fühlt sich für das Pferd an wie ein Stein im Schuh, den man nicht loswerden kann. Anfangs lässt sich das noch aushalten, aber je länger dieser Druck besteht, desto schmerzhafter wird es – die Lederhaut entzündet sich und reagiert empfindlich auf jeden Schritt. Plötzliche Lahmheit kommt vor allem durch den oben genannten Effekt, dass der Prozess erst einmal "Im Stillen" stattfindet und dann plötzlich richtung Lederhaut durchbricht.
Wie sich ein Hufgeschwür von selbst entleert
Die angesammelte Flüssigkeit sucht sich schließlich einen Weg.
Am einfachsten gelingt das entlang der Hornröhrchen, die von unten nach oben verlaufen. So passiert es häufig, dass sich die Flüssigkeit bis zum Kronrand hocharbeitet und dort eine kleine Stelle aufplatzt. An diesem Punkt tritt die stinkende, meist dunkle Flüssigkeit aus, und der Druck fällt schlagartig ab. Das Pferd wird sofort deutlich entlastet, bleibt aber meist noch eine Weile lahm, weil das darunterliegende Gewebe durch die Reizung noch schmerzhaft ist. Dieser Weg ist die natürliche Variante. Allerdings dauert er mitunter sehr lange und verläuft nicht immer ideal. Befindet sich das Geschwür beispielsweise tief in der Sohle, kann sich die Flüssigkeit zwischen Sohlenhorn und Lederhaut ausbreiten und dazu führen, dass größere Bereiche der Sohle sich ablösen. Das klingt dramatisch, und es ist sehr schmerzhaft – aber die Sohle wächst später nach. Dennoch versucht man in der Praxis, diesen Prozess kontrolliert abzukürzen.
Woran erkenne ich ein Hufgeschwür?
Ein häufiges Symptom ist bereits genannt: eine sehr plötzlich auftretende starke Lahmheit. Das ist typisch, aber natürlich nicht exklusiv für Hufgeschwüre. Ein Pferd kann sich auch vertreten haben oder eine Verletzung an Sehne oder Hufbein erlitten haben. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Stützbeinlahmheit als wichtiges Merkmal
Ein Hufgeschwür führt zu einer Stützbeinlahmheit. Das bedeutet:Das Pferd vermeidet vor allem das Belasten des Hufs beim Auftreten. Im Gegensatz dazu deutet eine Hangbeinlahmheit – also Schwierigkeiten beim Vorführen des Beins – eher auf Probleme an Muskeln, Sehnen oder Gelenken hin. Je nach Lage des Geschwürs zeigt das Pferd außerdem charakteristische Schonhaltungen:
• Steht es auf der Hufspitze, sitzt das Geschwür meist hinten im Huf.
• Belastet es nur die Trachten, liegt es eher im vorderen Bereich.
Weitere Hinweise
Ein Hufgeschwür kann sich außerdem zeigen durch:
• einen wärmeren Huf (muss aber nicht immer sein)
• schnelleres Trocknen des betroffenen Hufs nach dem Nassmachen
• eine ausgeprägte Pulsation der MittelfußarterieWer die Pulsation ertasten kann, vergleicht den betroffenen Huf mit den anderen. Eine deutlich stärkere Pulsation ist ein sehr typisches Zeichen, dass im Huf etwas nicht stimmt.
Wie der Hufbearbeiter oder Tierarzt das Geschwür findet
Sobald Hufbearbeiter oder Tierarzt eingetroffen sind, wird zunächst untersucht, wo der Schmerz sitzt. Dazu nutzt man meist:
• Hufuntersuchungshammer
• Hufuntersuchungszange
Mit dem Hammer wird vorsichtig von unten und seitlich geklopft, mit der Zange gezielt Druck auf bestimmte Bereiche ausgeübt. Dort, wo die Reaktion am stärksten ist, vermutet man das Geschwür.
Natürlich hat man zuvor eine allgemeine Untersuchung gemacht. Herz- und Atemfrequenz geben allgemeine Hinweise auf Schmerzen und die Pulsation der Mittelfußarterie wird überprüft (s.o.).
Ein paar Schritte des Pferdes geben oft auch wertvolle Hinweise auf den Sitz des Problemes (s.o.).
Hufgeschwür öffnen – der schnelle Weg zur Erleichterung
Ist die Stelle lokalisiert, sieht man sich die betreffende Region genauer an. Ein dunkler Punkt oder ein feiner Spalt kann auf den Kanal hindeuten, durch den die Bakterien eingedrungen sind. Schneidet man (an der richtigen Stelle) vorsichtig in Richtung Lederhaut, kommt irgendwann meist der Moment, in dem die Flüssigkeit mit etwas Druck austritt oder herausspritzt. Je stärker der Druck, desto schlimmer war die Lahmheit oft. Für das Pferd ist das Öffnen eine enorme Erleichterung – auch wenn es in den ersten Minuten nach dem Öffnen paradoxerweise manchmal noch etwas stärker lahmt. Das legt sich aber schnell, sobald der Druck vollständig weg ist.
Wenn man das Geschwür nicht findet: Angussverband
Manchmal lässt sich der genaue Ort nicht sicher lokalisieren. Dann ist ein Angussverband eine bewährte Methode:
• Einen Hufverband aus Watte oder notfalls einer Windel anlegen.
• Den Verband bis zum Kronrand gut mit Panzertape abdichten.
• Durch eine Öffnung am oberen Rand Flüssigkeit einfüllen, sodass der Verband innen gut durchnässt ist.
Die Flüssigkeit kann einfach Wasser sein. Oft wird jedoch etwas hinzugegeben, das antibakteriell wirkt oder die Hornaufweichung unterstützt: Rivanol, Kernseife, Brottrunk, Sauerkrautsaft, gekochter Leinsamen, effektive Mikroorganismen oder etwas Soda (vorsichtig dosiert). Im Grunde geht es dabei vor allem darum, das Horn zu erweichen, sodass das Geschwür über den Kronrand oder einen anderen Weg von allein aufbrechen kann. Auch die Suche mit dem Hufmesser wird dadurch erleichtert.
Weitere Behandlung – was danach passiert
Wenn nur der Kanal geöffnet wurde, der zur Blase führt, lässt man das Ganze oft erst einmal in Ruhe und sorgt dafür, dass kein Schmutz eindringen kann. Ein sauberer Hufverband oder eine trockene Umgebung können dabei helfen. Wichtig ist, dass sich die Öffnung nicht wieder zusetzt, denn sonst baut sich erneut Druck auf.
Wurde allerdings so tief geschnitten, dass die Lederhaut frei liegt, ist unbedingt ein Hufdruckverband nötig. Die Hornkapsel steht beim Auftreten unter enormem Druck, und ohne Gegendruck könnte sich die Lederhaut herauswölben – ein sogenannter Huflederhautvorfall.Das ist äußerst schmerzhaft, kann zu Gewebeabsterben führen und löst einen Teufelskreis aus, den man unbedingt vermeiden möchte.
Deshalb gilt: Liegt die Lederhaut frei: immer, immer, immer ein Hufdruckverband!
Und zwar so lange, bis die Lederhaut wieder ausreichend überhornt ist. Das dauert nicht zwei oder drei Tage, sondern eher eine Woche bis zwei. In dieser Zeit muss der Huf regelmäßig kontrolliert, sauber gehalten und gegebenenfalls nachgeschnitten werden, falls sich noch Bakterien oder entzündetes Gewebe darin befinden.
Komplikation: Verdeckter Huflederhautvorfall
Eine ähnliche Situation kann entstehen, wenn ein Geschwür zwar abgeflossen ist, die Bakterien aber im Inneren weiterarbeiten und die Lederhaut in der Blase freilegen, ohne dass man es von außen sofort erkennt. Solange das Sekret abfließen kann, baut sich kein Druck auf – daher geht es dem Pferd zunächst gut. Kommt jedoch irgendwann wieder Lahmheit, oft zusammen mit Wärme und Pulsation, liegt der Verdacht nahe, dass sich im Inneren erneut etwas entzündet hat oder sich die Lederhaut in den Hohlraum wölbt und das gleiche passiert wie bei einem Lederhautvorfall. Dann muss der Kanal vollständig geöffnet werden, bis man den Hohlraum erreicht, und danach wiederum ein Hufdruckverband angelegt werden.
Unterschied zwischen Hufgeschwür und Hufabszess
Ein Hufabszess ähnelt dem Hufgeschwür in den Symptomen – aber er unterscheidet sich deutlich in der Art des Materials, das austritt. Während beim Hufgeschwür dünne, stinkende Flüssigkeit kommt, findet man beim Hufabszess gelben, cremigen Eiter, wie man es von Abszessen im menschlichen Bereich kennt.Der entscheidende Unterschied:Ein Hufabszess entsteht nicht im Horn, sondern in der Huflederhaut, also im durchbluteten Gewebe.Die Bakterien können dort Gewebe zersetzen, im schlimmsten Fall sogar das Hufbein angreifen.Deshalb ist ein Hufabszess immer ein Fall für den Tierarzt.Dieser entscheidet, ob:
• ein Röntgenbild nötig ist,
• lokale Behandlung ausreicht,
• oder systemische Antibiotika notwendig sind.
Schmerzmittel – ja oder nein?
Bei einem normalen Hufgeschwür wirken Schmerzmittel nicht auf die Bakterien, weil diese im nicht durchbluteten Horn sitzen. Manche Tierärzte glauben, ein Schmerzmittel könnte die „Reifung“ des Geschwürs verzögern – das ist meiner Meinung nach nicht so. Im Gegenteil: Ein Schmerzmittel kann sinnvoll sein, um das andere, gesunde Bein zu entlasten und eine Belastungsrehe zu verhindern. Beim Hufabszess entscheidet ohnehin der Tierarzt.
Hornkluft nach einem Hufgeschwür
Entleert sich ein Geschwür über den Kronrand, stoppt an dieser Stelle die Hornproduktion für eine kurze Zeit. Dadurch entsteht eine schmale Linie quer zum Kronrand, die später nach unten herauswächst: die sogenannte Hornkluft. Anfangs ist sie kaum sichtbar, später kann sich dahinter ein kleiner Spalt bilden, in dem wiederum Horn fault. Das kann beim Herauswachsen breiter werden, ist aber in der Regel harmlos.
Wiederkehrende Hufgeschwüre – Verdacht auf Hornsäule
Wenn ein Pferd immer wieder am gleichen Huf und an der gleichen Stelle Hufgeschwüre entwickelt, die sich nach oben entleeren und eine Hornkluft nach der anderen entstehen lassen, kann eine Hornsäule dahinterstecken. Dabei handelt es sich um eine hornige Zubildung innerhalb der Hornkapsel, die oft von oben nach unten verläuft – vereinfacht gesagt wie ein Bleistift aus Horn im Inneren des Hufs. Man erkennt sie häufig daran, dass die weiße Linie an dieser Stelle halbkreisförmig oder kreisförmig verbreitert ist. Dieses Thema wird in einem eigenen Beitrag oder einer Podcastfolge ausführlicher erklärt.
Kurz & Knapp
Hufgeschwür
• hornzersetzende Bakterien im Horn• Flüssigkeitsansammlung → Druck auf die Lederhaut → plötzliche starke Lahmheit• typische Stützbeinlahmheit, Wärme, Pulsation• Behandlung: Öffnen, Angussverband, bei freiliegender Lederhaut unbedingt Hufdruckverband• sehr schmerzhaft, aber selten gefährlich
Hufabszess
• entsteht in der durchbluteten Lederhaut• enthält gelben, cremigen Eiter• kann Gewebe und sogar das Hufbein schädigen• immer Tierarzt → ggf. Röntgen und Antibiotika
Achte auf diese Warnzeichen
• plötzliche Lahmheit• warme Hufe• deutliche Pulsation• auffällige Schonhaltungen (nur Zehe / nur Trachten)
Komplikationen
• Huflederhautvorfall → immer Druckverband• Hornkluft nach Entleerung über den Kronrand (harmlos!)• wiederholte Geschwüre → Verdacht auf Hornsäule