Gallopierende Ponys und Nostalgie

"Wenn das alte Pony plötzlich galoppiert – und andere Freitagsgeschichten"

Es gibt Tage, die sind wie ein Uhrwerk. Präzise, vorhersehbar, fast schon beruhigend in ihrer Routine. Und dann gibt es Tage wie heute, an denen das Uhrwerk plötzlich einen Sprung macht. Er war unterwegs auf seiner üblichen Tour – die gleiche Strecke, die gleichen Stationen, die gleichen Gesichter. Alle sieben Wochen wiederholt sich diese Tour, fast wie ein Ritual. Doch heute war es anders.

Am ersten Stall fehlte erneut ein Pferd. Das dienstälteste Pferd, das er je betreut hatte, war nicht mehr da. 34 Jahre alt war der Gute geworden, fast drei Jahrzehnte hatte er ihn begleitet. Und obwohl er wusste, dass der Abschied vor acht Wochen endgültig war, blieb dieser leere Platz ein Stich ins Herz. Es ist seltsam, wie ein Tier, das so lange Teil des eigenen Alltags war, plötzlich fehlt – und wie der Stall ohne ihn irgendwie stiller wirkt.

Doch der Tag ging weiter, wie er immer weitergeht. Bis er zu dem kleinen Offenstall kam, in dem das 37-jährige Pony lebt. Normalerweise läuft alles nach Plan: Er winkt, das Pony kommt, frisst ein paar Krümel Futter, und die Arbeit kann beginnen. Aber heute? Heute war das Pony anderer Meinung. Es hatte ihn nicht bemerkt, also ging er näher heran. Und dann – wie aus dem Nichts – begann das kleine alte Pony, vor ihm wegzulaufen. Nicht gemächlich, nicht zögerlich, sondern in einem wilden Galopp über die Wiese. Er stand da, unschlüssig, und sah zu, wie das Pony sich selbst übertraf. 15 Minuten lang. Er hatte schon aufgegeben, als ein Nachbar kam, das Pony rief – und es tatsächlich kam. Glück gehabt. Aber die Sorge, dass das kleine Tier sich übernimmt, blieb.

Der Rest des Tages verlief ruhig, oder zumindest so ruhig, wie ein Tag voller Arbeit eben sein kann. Die Tour war planbar, voraussehbar – und doch hatte sie ihre Momente. Auf dem Heimweg hörte er im Radio eine Diskussion über die Manipulation von Geschichte. Ein Historiker sprach über Nostalgie, die nur die guten Seiten erinnert, und über politische Strategien, die sich diese Schwäche zunutze machen. Ein Gedanke blieb hängen: Wie leicht es ist, die Vergangenheit zu verdrehen, wenn man die wirtschaftlichen Belange und die dunklen Seiten einfach ausblendet. Ein Beispiel, das ihn schmunzeln ließ: Frau Weidel und ihre Aussage, Hitler sei kein Nazi gewesen, sondern Sozialist und Kommunist. Eine Welle des Unfugs, wie der Historiker es nannte. Treffend.

Es war faszinierend, wie Geschichte, die eigentlich fest verankert sein sollte, plötzlich zu einem Spielball wird. Ein Gedanke, der ihn noch eine Weile begleiten würde.

Jetzt, auf dem Weg nach Hause, stand noch ein kurzer Zwischenstopp an. Morgen ist Feiertag, und der Samstagseinkauf musste vorgezogen werden. Danach würde das Wochenende beginnen – ein ruhiger Feierabend, ein Moment der Pause. Und vielleicht, nur vielleicht, würde er sich fragen, ob das kleine Pony heute Nacht genauso müde ist wie er.

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