„Seit über einem Jahr rehefrei – das ist doch mal ein guter Start in den Tag“, dachte er, während er sich auf den Weg zum ersten Stall machte. Die Pferde, die ihn dort erwarteten, hatten alle ihre Geschichten. Geschichten, die von Alter, Krankheit und Genesung erzählten. Zwei von ihnen hatten eine Vergangenheit mit Hufrehe, die glücklicherweise seit einem Jahr nicht mehr akut war. Doch die Spuren der letzten Schübe waren unübersehbar. Das eine Pferd trug seitdem dauerhaft Eisen, weil es barhuf einfach nicht mehr gut laufen konnte – fühlig, wie man so sagt. Die Ursache? Insulininduzierte Hufrehe. Beim Jüngeren durch EMS, beim Älteren durch EMS und vielleicht auch durch Cushings. Offenstallhaltung in gemischten Gruppen machte das Management solcher Fälle nicht gerade einfacher. Aber immerhin: Beide Pferde konnten wieder als Reitpferde genutzt werden. Ein kleiner Erfolg, der ihn jedes Mal aufs Neue freute.
Weiter ging es zu zwei altbekannten Kunden. So altbekannt, dass er für sie sogar in zwei verschiedene Ställe fahren musste. Aber für treue Kunden macht man das ja. Der Ältere der beiden, über dreißig Jahre alt, war schon seit zwanzig Jahren in seiner Kundschaft. Ein wahrer Methusalem, der trotz seines Alters noch erstaunlich fit war. Gnadenbrot in einem privaten Stall – ein würdiger Lebensabend. Das andere Pferd musste er sich heute selbst einfangen. Kein Problem, es war ja nur auf dem Paddock des Offenstalls unterwegs. Die Besitzerin hatte leider keine Zeit. Dieses Pferd hatte nach seinem Umzug lange gebraucht, um sich einzugewöhnen. Früher war es beim Beschlagen die Ruhe selbst gewesen, doch der neue Stall hatte anfangs alles durcheinandergebracht. Mittlerweile lief es aber wieder ganz gut.
Auf dem Rückweg noch ein kurzer Stopp bei einem weiteren Stall. Eigentlich war hier ein Dreier-Termin geplant gewesen, doch aus organisatorischen Gründen war es heute nur ein Einzeltermin. Kein Problem, solche Ausnahmen gab es immer mal wieder. Ein Pferd vorne beschlagen, und der Tag neigte sich dem Ende zu.
Alles in allem ein entspannter und erfreulicher Tag. Die Gespräche mit der Besitzerin der Rehe-Patienten am Vormittag hatten ihn dazu inspiriert, sich mal wieder in Studien und Forschung zu vertiefen. Das Prinzip der hormonell bedingten insulininduzierten Hufrehe – ein Thema, das ihn nicht losließ. Schließlich wollte er seinen Kunden immer die besten Tipps geben können. Und so endete der Tag mit dem Gedanken, dass es manchmal die kleinen Fortschritte sind, die den Unterschied machen.

