Tag37
Drei Grad. Das Thermometer zeigte heute Morgen tatsächlich nur drei Grad. Nach einem goldenen Oktober, der sich fast wie ein Frühling anfühlte, war das ein kleiner Schock für das System. Aber gut, November ist eben November, und er wusste, dass die Kälte kommen würde. Sie kam immer. Und so begann der Tag, wie er immer begann: mit Arbeit. Keine Sensationen, keine Dramen – nur kurze Wege und brave Pferde. Ein Tag, der sich fast wie Routine anfühlte, aber eben nur fast.
Da war dieses eine Pferd, das vor längerer Zeit ein Hufgeschwür hatte. Ein Patient, der ihn regelmäßig beschäftigt, alle zwei Wochen, wie ein Uhrwerk. Heute war wieder Kontrolle angesagt. Die Sohle und der Strahl mussten praktisch komplett entfernt werden – darunter frisches, dickes Horn, das schon tragfähig war. Ein gutes Zeichen, aber auch ein klares Signal: Dreck fing an, sich darunter zu sammeln. Also musste alles raus. Es war eine dieser Aufgaben, die er schon unzählige Male gemacht hatte, aber die trotzdem nie langweilig wurden. Es war wie ein Puzzle, das sich langsam zusammensetzte, Stück für Stück, bis das Bild wieder stimmte.
Dann war da noch das andere Pferd, dessen Beschlag an den Vorderhufen abgenommen wurde. Winterpause, wie üblich. Die Besitzerin ritt in dieser Zeit nicht viel, und das Pferd kam barhuf besser zurecht. Dreißig Gramm Ginkgo am Tag – das hatte sich bewährt. Er erinnerte sich noch gut daran, wie überrascht er damals war, als sie das zum ersten Mal ausprobierten. Die Hufe wuchsen schneller, das Pferd lief besser. Es war eine dieser kleinen Entdeckungen, die man nicht unbedingt erwartet, aber die einem das Gefühl geben, dass man doch etwas bewirken kann. Studien dazu? Kaum welche beim Pferd. Aber beim Menschen ist die Wirkung erwiesen, und er zweifelte nicht daran, dass es auch hier funktionierte. Manchmal musste man einfach auf die Erfahrung vertrauen.
Mit der Besitzerin sprach er über Fütterung. Ein Thema, das ihn immer wieder beschäftigte. Heu, Mineralleckstein, Wasser – das war alles, was ein Pferd wirklich brauchte. Professor Dr. Köhnen hatte das vor zwanzig Jahren auf dem ersten internationalen Hufrehsymposium in Berlin gesagt, und er hatte recht. Aber die Realität sah anders aus. Müslis, Zuckerstoffe, Futterberater – der Druck der Futtermittelindustrie war groß, und die meisten Pferdebesitzer hatten ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihrem Pferd nichts „Gutes“ zufütterten. Das Ergebnis? Zu fette Pferde, Stoffwechselschwierigkeiten, Hufrehe. Es war, als würde man gegen Windmühlen kämpfen. Der gute alte Hafer wurde total unterschätzt, und das Märchen, dass Pferde davon verrückt würden, war genau das: ein Märchen.
Und so endete der Tag, wie er begann – sachlich, aber mit einem Hauch von Ironie. Feierabend. Zeit, sich um die eigene Fütterung zu kümmern. Vielleicht ein bisschen weniger Zucker, dachte er mit einem Schmunzeln. Und dann? Ein geselliger Abend. Ein ganz normaler Novembertag.

