Tag 39
Mit diesem Gedanken im Kopf schloss er die Tür seines Wagens und atmete tief durch. Der Tag war lang gewesen, aber nicht so lang wie der gestrige. Ein Fortschritt, wenn man so will. Drei Ställe, keine endlosen Anfahrten, ein überschaubares Programm – fast schon ein Luxus. Und jetzt, da er auf dem Heimweg war, konnte er sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Es war Herbst, das Wetter wie immer kein Thema, das einer Erwähnung wert wäre. Aber die Sorgen seiner Kunden? Die waren es allemal.
Strahlfäule. Ein Wort, das in dieser Jahreszeit fast so häufig fiel wie „nasses Laub“ oder „kalt geworden, oder?“. Er hatte es heute wieder oft gehört, diese leise Panik in den Stimmen, die Sorge um die geliebten Vierbeiner. Und wie immer hatte er beruhigt, erklärt, geschnitten, geformt. „Solange es schneller wächst, als es fault, ist alles gut“, hatte er gesagt, wie so oft. Ein bisschen Fäulnis sei schließlich normal, hatte er hinzugefügt, mit einem Hauch von Ironie, der ihm selbst nicht entgangen war. Die Natur sei eben so – Bakterien tun, was Bakterien tun. Und am Ende war alles tipptopp.
Natürlich hätte er geschäftstüchtiger sein können. Er hatte ja schließlich ein Mittel gegen Strahlfäule, ein Naturprodukt mit Myrrhe, das er selbst herstellte. Aber er konnte nicht anders, als zu denken, dass das Thema oft übertrieben dargestellt wurde. Vielleicht war das der Grund, warum er den Verkauf seiner Produkte vom Tagesgeschäft trennte. Natürlich verkaufte er das ein oder andere Fläschchen, wenn jemand danach fragte. Aber jedem Kunden, der sich Sorgen machte, etwas aufzuschwatzen? Das war nicht sein Stil.
Er dachte an die Gespräche, die er heute geführt hatte, an die Blicke der Kunden, die sich zwischen Sorge und Erleichterung bewegten. Strahlfäule sei doch kein reines Herbstproblem, hatte er erklärt. Im Sommer, bei Wärme und Feuchtigkeit, könnten die Bakterien genauso aktiv sein. Aber das schien kaum jemand hören zu wollen. Herbst und Winter – das waren die Jahreszeiten, in denen die Sorgen wuchsen, genau wie die Pfützen in den Paddocks.
Jetzt war Feierabend. Ein Tag, der lang, aber nicht zu lang gewesen war, lag hinter ihm. Und während er den Schlüssel ins Schloss drehte, dachte er noch einmal an die Worte, die er heute so oft gesagt hatte: „Solange es schneller wächst, als es fault ist alles gut.“ Ein Satz, der irgendwie auch auf den Tag passte.

