Bekommen wir diesen Huf etwas steiler?

Tag 41

Manche Tage wiederholen sich im Ablauf exakt auf dieselbe Art und Weise alle sechs bis acht Wochen. Die gleichen Fahrstrecken, die gleichen Ställe, die gleichen Pferde, die gleichen Besitzer – teilweise schon seit zehn, fünfzehn Jahren. Und doch wird es nie langweilig. Heute war so ein Tag.

Bei überwiegend schönster Herbstsonne hat er etliche Pferde mit Hufpflege versorgt. Er hat viele Menschen wiedergesehen und entsprechend viele Gespräche geführt. Manche länger, wenn jemand mehrere Pferde gebracht hat, andere nur für eine halbe Stunde. Leider war heute viel Trauriges dabei. Geschichten von Pferden, die in letzter Zeit euthanasiert werden mussten, teils nach dramatischen Kolikverläufen. Geschichten von kranken Angehörigen. Aber auch Berichte von traumhaften Urlaubsreisen, die ein wenig neidisch gemacht haben – und neugierig auf das Landleben in Wyoming.

Die letzte Kundin stellte eine Frage: Ob es möglich sei, die Hufe ihres barfuß laufenden Pferdes mit der Zeit etwas steiler zu bekommen. Die Physiotherapeutin des Pferdes halte das für wünschenswert.

Er erklärte die Zusammenhänge. Ist ein Pferd lang und weich gefesselt, fällt der Schwerpunkt aus dem Fesselgelenk relativ weit hinter den Huf. Der hintere Bereich, dort wo die Trachten liegen, erfährt mehr Belastung und mehr Abrieb. Der Huf bleibt flach oder wird flacher. Ähnliches geschieht bei sehr raumgreifenden Bewegungen, wenn das Bein bereits in weit vorgestreckter Haltung Gewicht aufnimmt.

Dem Steilerstellen des Hufes sind natürliche Grenzen gesetzt. In der Zehe kann man nur so weit kürzen, wie es möglich ist, und die Trachten lassen sich nur begrenzt lang belassen. Wie sich der Huf schließlich abnutzt, darauf hat man nur wenig Einfluss. Kürzere Bearbeitungsintervalle können helfen, das Beste herauszuholen – aber immer innerhalb der physiologischen und anatomischen Vorgaben.

Es gibt weitere Einflussfaktoren. Der Winkel des Hufes wird unter anderem vom Muskeltonus des Muskels beeinflusst, der mit der Beugesehne verbunden ist. Auch schmerzhafte Zustände im Bereich der Hufrolle, der Beugesehnen oder in der hinteren Hälfte des Hufes sowie eine Verknöcherung des Hufknorpels können dazu führen, dass der Huf durch Schonhaltung steiler wird. Umgekehrt können Schmerzen in der vorderen Hälfte des Hufes den Huf flacher erscheinen lassen.

Am Ende eines solchen Tages bleibt oft genau das zurück: die Gewissheit, dass Erfahrung nicht darin liegt, alles verändern zu können, sondern darin, die Grenzen zu erkennen, sie einzuordnen und ruhig weiterzuarbeiten.

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