Wenn ein Pferd sich nicht beschlagen lassen will

Tag 43

Manchmal merkt man erst nach dem dritten Nagel, dass es heute nicht weitergeht.

Er kam gerade von dem großen Wallach. Ein Pferd, das er schon einmal erwähnt hatte. Eines von denen, die ein Bein nicht gut geben können. Leider ist das nicht sein einziges Problem. Ausgerechnet an diesem Huf reagiert er extrem empfindlich auf das Klopfen, das beim Aufnageln nun einmal unvermeidlich ist.

Der Termin lag am Morgen. Drei Nägel gingen. Dann war Schluss. Jeder weitere Versuch endete in Springen, Ausweichen, Unruhe. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man abbricht. Nicht aus Ungeduld, sondern aus Verantwortung. Für das Pferd, für sich selbst, für alle Beteiligten. Er sagte, dass er auf dem Rückweg von der anderen Rheinseite noch einmal vorbeikommen würde, um einen zweiten Versuch zu machen.

Vor der Heimfahrt rief er noch einmal an. Das Pferd bekam ein Beruhigungsmittel, rechtzeitig, damit es wirken konnte. Leider blieb die erhoffte Wirkung aus. Es wurde nicht wirklich besser. Mit viel Geduld, mehreren deutlichen Sprüngen des Wallachs und einer Portion Hartnäckigkeit gelang es schließlich doch, auch die letzten drei Nägel unterzubringen. Kein schöner Beschlag, aber ein notwendiger.

Jetzt steht die Überlegung im Raum, in diesem Fall vom Beschlag auf Bekleb umzustellen. Einfach wäre das auch nicht. Das Bein will er nicht lange geben, zwischendurch setzt er immer wieder ab. Aber mit allen vier Füßen auf dem Boden steht er ruhig. Also müsste es irgendwie gehen. Jetzt beginnt die Suche nach einem Klebebeschlag, der den Anforderungen des aktuellen orthopädischen Beschlags gerecht wird.

Am Nachmittag dann ein ganz anderes Gespräch. Eine Kundin hatte das Gefühl, dass ein Vorderhuf ihres Pferdes immer kleiner würde. Der Huf ist steiler und schmaler als der andere, das ist seit Langem bekannt. Anhand alter Beschläge ließ sich jedoch zeigen, dass er nicht kleiner geworden ist. Im Gegenteil, sogar minimal weiter. Trotzdem bleibt der Unterschied sichtbar, und die Sorge bleibt mit ihm.

Er erklärte ihr das sogenannte High-Low-Syndrom. Bekannt, gut zu managen bei regelmäßiger Bearbeitung, in der Regel ohne gravierende Folgen. Sie hatte gelesen, dass solche Hufe ein erhöhtes Risiko für Arthrosen im Huf- oder Kronengelenk haben sollen. Ja, diese Auffassung existiert. Nein, er kennt keine Studie, die das eindeutig belegt.

Und dann kam die Statistik. Wenn statt einem von tausend plötzlich fünf von tausend Pferden betroffen sind, spricht man von fünfhundert Prozent Risikoerhöhung. Tatsächlich sind es aber nur vier Pferde mehr. Fünf von tausend. Zahlen können beeindrucken und gleichzeitig in die Irre führen.

Jetzt ist es dunkel. Seit Stunden schon. Er ist fast zu Hause, und das ist gut so. Morgen ist auch noch ein Tag.

Es würde mich freuen, wenn Du einen Kommentar hinterlässt

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}