Tag 40
“Bin ich zu altmodisch und war das wirklich Hufrehe?”
Manchmal fragt er sich, ob er nicht einfach zu altmodisch ist. Aber ist es wirklich zu viel verlangt, beim Betreten eines Raumes – sei es ein Stall, eine Stallgasse oder ein ganzer Stalltrakt – die Anwesenden zu grüßen? Er jedenfalls hält daran fest. Ein kurzes ‚Hallo‘, ein ‚Guten Abend‘, das gehört für ihn einfach dazu. Doch heute war es anders. Der letzte Stall des Tages, in dem er gerade fertig geworden war, hatte eine ganz eigene Dynamik. Der Stallbesitzer? Freundlich. Ein Einstaller, der immer wieder an ihm vorbeihuschte, um sein Auto zu beladen? Ebenfalls freundlich. Aber der Rest? Schweigen. Kein Gruß, kein Nicken, nicht einmal ein flüchtiger Blick. Selbst als nur wenige Meter entfernt eine Hufbearbeiterin an einem Pony arbeitete, blieb es still. Seltsam, dachte er. Nicht, dass es ihn wirklich störte, aber es fiel auf – vor allem im Kontrast zu den anderen Ställen, die er heute besucht hatte, wo man ihn überall herzlich begrüßt hatte.
Die Arbeit selbst? Routine. Hufe schneiden, beschlagen – das Übliche. Doch ein Pferd hatte seine besondere Aufmerksamkeit. Eine kleine Stute, bei der er vor sieben oder acht Wochen Veränderungen an der weißen Linie und der Hufwand bemerkt hatte. Damals hatte er vermutet, dass sie einen Rehschub gehabt haben könnte. Heute lief sie wieder einwandfrei, ohne Pulsation, ohne Reaktion auf die Zangenprobe. Die Veränderungen waren noch sichtbar, die weiße Linie diesmal leicht blutunterlaufen, aber alles in allem: picobello. Er war gespannt, wie der Huf aussehen würde, wenn die mutmaßlichen Rehringe vollständig herausgewachsen waren.
Doch es war nicht nur die Arbeit, die den Tag interessant machte. Es waren die Gespräche. Ein längeres Gespräch mit einer Kundin über den Aufenthalt von Angehörigen im Hospiz – ein Thema, das ihn berührte. Und dann die Diskussion mit einem anderen Kunden über die Klimaerwärmung. Der Kunde hatte Argumente, Zahlen, Beispiele – und er selbst? Er hielt dagegen, stellte infrage, verwies auf die Wissenschaft und darauf, wie unterschiedlich Menschen Wissen wahrnehmen und interpretieren. Am Ende, dachte er, hat wohl jeder seine eigene Welt im Kopf, eine Welt, die für ihn schlüssig und plausibel ist. Und wer ist er, diese Welt zu verurteilen?
Mit diesen Gedanken machte er sich auf den Heimweg. Ein Tag voller Routine, aber auch voller Menschlichkeit. Und vielleicht, nur vielleicht, ein bisschen zu wenig ‚Hallo‘.“

