"Fast über mich drüber gestürmt – und das war nur der Anfang."
Ein Tag wie jeder andere, könnte man meinen. Drei Ställe, ein paar Hufe, keine großen Überraschungen. Der vierte Stall? Verschoben. Zeitmanagement ist schließlich alles, und bei nur einem Pferd, das lediglich einen Hufschnitt braucht, kann man sich das erlauben. Routine, könnte man sagen. Aber Routine hat ihre Tücken, vor allem, wenn das Wetter nicht mitspielt. Viel zu warm für Ende Oktober – das macht die Arbeit nicht gerade leichter.
Die Pferde heute? Keine Spezialfälle, keine außergewöhnlichen Patienten. Aber anstrengend, das waren sie trotzdem. Und dann war da noch das letzte Pferd. Kaum hatte er die Boxentür geöffnet, stürmte es an ihm vorbei, fast über ihn drüber, direkt auf die Stallgasse. Ziel? Futter, natürlich. Ein Moment, der ihn innehalten ließ. Einfangen, zurück in die Box, aus Prinzip. Konsequenz muss sein. Dann wieder raus, angebunden – und natürlich, es riss sich los.
Während er die Hufe bearbeitete, kreisten seine Gedanken. Wie unterschiedlich die Erziehung der Pferde doch ist. Manche warten geduldig, lassen sich führen, sind ruhig und kooperativ. Andere? Nun ja, sie testen die Grenzen. Aber ist das wirklich ihre Schuld? Er denkt an die Menschen, die sie führen – oder eben nicht führen. Konsequenz, das ist es, was fehlt. Nicht Härte, nicht Zwang, sondern eine klare Linie. Eine Hierarchie, die das Pferd akzeptiert, ohne ständig zu hinterfragen.
Er kennt sie, diese Pferde, die sich seltsam verhalten, weil der Mensch die Führung nicht übernimmt. Die, die sich entspannen, wenn jemand die Verantwortung trägt. Es ist fast, als würden sie aufatmen, froh darüber, dass jemand endlich die Richtung vorgibt.
Jetzt, da er fast zu Hause ist, lässt er den Tag Revue passieren. Ein heißes Bad, das wäre jetzt genau das Richtige. Ein Moment der Ruhe, bevor morgen wieder ein neuer Tag beginnt – mit neuen Pferden, neuen Herausforderungen und vielleicht, nur vielleicht, ein paar mehr gut erzogenen Vierbeinern. Aber das bleibt wohl Wunschdenken.

