Hufrehe wirkt wie über Nacht gekommen, doch meist lief im Huf schon etwas. Damit Du leise Zeichen erkennst, Trigger von Ursache unterscheidest und rechtzeitig handelst, auch ohne Beweis.
„Ich will nicht paranoid wirken, aber was, wenn ich es verschleppe?"
Zwischen diesen beiden Sorgen stehen viele, wenn ihr Pferd irgendwie anders läuft. Und hinterher höre ich oft denselben Satz: „Gestern war noch alles gut, und heute läuft er wie auf rohen Eiern."
Stell Dir vor, Du stehst beim nächsten komischen Schritt nicht ratlos am Zaun. Du weißt, welche kleinen Zeichen einem Reheschub oft vorausgehen. Du weißt, warum im Huf bis zu zwei Tage lang etwas passieren kann, ohne dass Dein Pferd Schmerzen zeigt. Und Du weißt, was Du sofort tun kannst, ohne erst beweisen zu müssen, dass es Rehe ist. Ein Sack Späne, die Hand am Fesselkopf, ein Anruf beim Tierarzt. Mehr braucht der erste Schritt oft nicht.
Genau darum geht es in Folge 12. Denn ein Reheschub kommt selten aus dem Nichts. Meist ist das Fass schon fast voll, und der Trigger ist nur der letzte Tropfen.
Nach dieser Folge kannst Du …
- Kleine Zeichen ernst nehmen: „Er ist gemütlicher geworden", „in der Volte etwas steif", „manchmal fühlig, aber das liegt bestimmt am Wetter". Du weißt, dass solche Beobachtungen ein Warnlicht sein können. Damit „Ist halt ein Pony" bei Dir keine Erklärung mehr ist, sondern ein Anlass, kurz den Puls zu fühlen.
- Trigger und Ursache auseinanderhalten: Das Gras ist der Trigger, die Stoffwechselerkrankung ist die Ursache. Damit Du nach einem Schub nicht nur die Weide fürchtest, sondern Deinen Tierarzt gezielt fragst, ob der Stoffwechsel untersucht werden sollte.
- Verstehen, warum Rehe „plötzlich" wirkt: Im Huf können sich schon Lamellen lösen, während Dein Pferd noch völlig normal steht. Damit Du Dir nicht vorwirfst, etwas übersehen zu haben, das vielleicht gar nicht zu sehen war.
- Handeln, ohne Beweis: Weide runter, weich und tragend stellen, Puls fühlen, Tierarzt anrufen, nicht vortraben. Damit Du im Zweifel ruhig das Richtige tust, statt zwei Tage abzuwarten, ob es von allein besser wird.
- Die schnelle Form einordnen: Nach einer Kolik, einer schweren Infektion oder einer Nachgeburtsverhaltung kann eine septische Hufrehe tatsächlich von heute auf morgen kommen. Damit Du weißt, dass bei solchen Erkrankungen auch die Hufe im Blick bleiben sollten.
Kommt Hufrehe wirklich über Nacht?
Die ehrliche Antwort lautet: manchmal ja. Wenn ein Pferd eine Stoffwechselerkrankung hat und dann stundenlang auf sehr zuckerreichem Gras steht, kann es morgens noch unauffällig sein und abends nicht mehr richtig laufen. Noch schneller geht es bei der septischen Hufrehe, etwa nach einer Kolik, einer schweren Infektion oder einer Nachgeburtsverhaltung. Dann kann ein Pferd von heute auf morgen kaum noch stehen.
Die septische Rehe ist aber die Ausnahme. Den weitaus größten Teil, nach Schätzungen wahrscheinlich 80 bis 90 Prozent der Fälle, macht die Hufrehe aus, hinter der eine Insulindysregulation steckt, häufig im Zusammenhang mit EMS oder PPID (Cushing). Und gerade bei dieser Form gibt es oft schon vorher Hinweise.
Die kleinen Zeichen, die man hinterher erzählt
Wenn ich nach einem Schub mit Besitzern spreche, kommen oft Sätze wie diese: Er war schon ein bisschen gemütlicher geworden, man musste ordentlich am Strick ziehen. In der Wendung oder auf der Volte war er irgendwie steif. Er lief manchmal fühlig, aber das lag doch am gefrorenen Boden. Oder: Ist halt ein Pony.
Jedes dieser Zeichen kann eine harmlose Erklärung haben, Wetter, Boden, Muskelkater. Es kann aber auch ein Warnlicht für einen schleichenden Prozess sein. Und wenn diese Vorerkrankung da ist, braucht es nur noch einen Trigger, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Der Trigger ist nicht die Ursache
Das ist der wichtigste Gedanke dieser Folge. Das Gras ist der Trigger. Die Stoffwechselerkrankung ist die Ursache. Kommen zum Beispiel EMS und ein hohes Körpergewicht zusammen, das die mechanische Belastung der Hufe erhöht, und frisst das Pferd an einem oder mehreren Tagen ausgiebig auf einer üppigen Weide, steigt der Insulinspiegel im Blut stark an. Das ist dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Natürlich ist es richtig, diesen Trigger zu meiden. Aber es ist wie beim Diabetiker, der das Stück Kuchen stehen lässt: Das ist vernünftig, doch die Zuckerkrankheit ist davon nicht weg. Wer langfristig vorbeugen will, fragt deshalb nicht nur, was den Schub ausgelöst hat, sondern ob eine Ursache im Pferd dahintersteckt.
Wie oft genau diese Frage offenbleibt, zeigt meine Umfrage unter 588 Besitzern von Rehepferden: Wurde die Weide als Auslöser genannt, war bei mehr als vier von zehn Pferden nie untersucht worden, ob eine Stoffwechsel oder Hormonstörung vorliegt. Das sind Besitzerangaben ohne Vergleichsgruppe, also kein harter Beleg. Das Muster ist aber deutlich: Eine plausible Erklärung ersetzt oft die Untersuchung.
Die stille Phase im Huf
Auch wenn Trigger und Ursache zusammenkommen, fliegt die Hufrehe nicht einfach an. Sie wird nur plötzlich sichtbar. Wenn die Lamellen anfangen, kaputtzugehen, merkt das Pferd davon zunächst nichts. Solange der Hufbeinträger das Hufbein noch an Ort und Stelle hält, drückt nichts auf die Sohlenlederhaut, und es gibt keinen Schmerz. Bis zu 48 Stunden kann diese stumme Phase dauern. Wenn wir die Hufrehe bemerken, ist im Huf also meist schon etwas passiert.
Manchmal sieht man in dieser Zeit trotzdem etwas. Ein mögliches Beispiel: An Tag 1 läuft das Pferd etwas vorsichtiger. An Tag 2 sind die Wendungen schlecht, und die Pulsation an der Mittelfußarterie ist stärker. An Tag 3 wirkt es, als könne das Pferd plötzlich nicht mehr laufen: Es streckt die Vorderhufe vor und schiebt die Hinterbeine unter den Körper. Es kann aber auch sein, dass die ersten beiden Tage komplett stumm bleiben.
Handeln, ohne Beweis
Weil Du Dich auf diese frühen Nachrichten nicht verlassen kannst, ist es umso wichtiger, bei einem Verdacht sofort zu handeln, statt erst zu versuchen, die Hufrehe zu beweisen. Konkret heißt das:
Nimm Dein Pferd von der Weide, damit der Trigger wegfällt. Stell es weich und tragend, damit es bequem steht. Fühl den Puls. Ruf Deinen Tierarzt an. Und trabe Dein Pferd nicht noch einmal vor, um zu sehen, ob es wirklich lahmt, denn dabei kann im Huf noch mehr kaputtgehen.
Das meiste davon kostet wenig. Ein Sack Späne, ein paar Minuten für den Puls, eine Stunde weniger Weide. Tierarzt und Hufprofi kosten natürlich Geld, und trotzdem gilt: Hufrehe ist ein Notfall, auch wenn Du nur vermutest, dass es Hufrehe sein könnte. Das ist keine Dramatisierung. Es heißt nur: genauer hinschauen, und im Zweifel so handeln, als wäre es Rehe, bis zum Beweis des Gegenteils.
Und falls Du Dich nach einem Schub fragst, ob Du etwas übersehen hast: Schuldgefühle helfen niemandem. Frühes Handeln schon.
Warum sich das Anhören lohnt
Zu Beginn der Folge erzähle ich Dir von einem Stall, in dem ich mich früher jedes Mal gefragt habe, welches Pferd wohl als Nächstes Hufrehe bekommt. Die Besitzer waren überzeugt, schon vorsichtig zu füttern und viel zu bewegen. Und trotzdem bekam im Laufe der Jahre ein Pferd nach dem anderen Rehe. Für die Besitzer kam es jedes Mal plötzlich. Für mich kam es nicht über Nacht.
Außerdem erkläre ich Dir ausführlicher, warum der Vergleich mit dem Diabetiker und seinem Stück Kuchen so gut passt und was er für den Umgang mit Weide und Futter bedeutet. Du hörst, wie die stille Phase im Huf abläuft und warum es so schade ist, wenn sie unbemerkt bleibt: Wer in diesen ersten Tagen etwas bemerkt und zum Beispiel rechtzeitig mit dem Kühlen beginnt, kann oft Schlimmeres verhindern. Und ich erzähle Dir, welche Sätze ich nach einem Reheschub immer wieder von Besitzern höre und warum sie fast nie ein Vorwurf sein sollten, sondern ein Lernmoment für das nächste Mal.